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Freiheit benötigt Regeln

 

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Reichling - 17. April 2015

Als erste Hospitationsgruppe überhaupt durfte das Forum Bildungspoltiik in Bayern in die im September in Reichling-Ludenhausen neu eröffnete Sudbury Schule am Ammersee hinein schnuppern. Die 12-köpfige Besuchergruppe war ebenso aufgeregt und neugierig, was sie erwartet, wie die Schulgemeinschaft selbst.

  Foto Sudbury Schule

Reichling ist ein kleiner Ort in der Nähe des Ammersees, manche Familien zogen extra für die Schule in die Region. Dank tatkräftiger Unterstützung der örtlichen politischen Kräfte konnte die Initiative um Monika Wernz und Gerlinde Rüdinger-Wagner nach neun Jahren hartnäckiger Vorarbeit 2014 endlich ihr freies und demokratisches Schulkonzept mit Leben füllen.

10.15 Uhr: Die Gruppe trifft ein und wird von einem Schüler bereits an der Tür begrüßt. Weitere neugierige Augen verkleideter Kinder lugen aus den verschiedenen Räumen, die so gar nicht an "Schule" erinnern. Mit Kaffee und einer kleinen Stärkung werden wir empfangen und dürfen die Atmosphäre spüren. In der Küche wird eine erwachsene Person von einem Schüler dabei unterstützt, das Mittagessen für alle, uns heute inklusive, vorzubereiten.

  Foto Sudbury Schule-Küche
Wir werden durch die Schule geführt und bekommen das Leben und die Prinzipien der Schulgemeinschaft erklärt. Ich habe den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler sich heute besonders Mühe geben, uns zu zeigen, was an ihrer Schule so ganz besonders ist. Es gibt keinen regulären Unterricht; den Kindern steht vollkommen frei, wie sie ihren Tag verbringen. Wer lernen möchte, wendet sich an eine Lehrerin oder einen Lehrer und zieht sich in den Lernraum zurück. An der Sudbury-Schule entscheiden die Schüler selbst, wann sie lernen und wann sie sich auf ihren Abschluss vorbereiten. Lehrer und Pädagoginnen verstehen sich als Lernbegleiter und können natürlich auch von sich aus den Schüler/innen Angebote unterbreiten. Jedoch nicht um einen Zweck (z.B. Lehrplan) zu erfüllen, sondern weil sie selbst Spaß und Interesse daran haben.

 

Freiheit benötigt Regeln: die Schulversammlung und das Justizkomitee

Diese völlige Freiheit erfordert viele Regeln, die gemeinsam im Alltag festgelegt und in die wöchentliche Schulversammlung eingebracht werden. Jedes Mitglied der Schulgemeinschaft, ob Lehrer oder Schülerin, hat eine Stimme. Alle Veränderungen und Belange, die das Schulleben betreffen, werden in der Schulversammlung beschlossen. Deren Leitung obliegt einem Schüler. Ein eigenes "Gesetzbuch" beinhaltet alle Regeln dieser Schule. Diverse Komitees verwalten Teilbereiche. Das Justizkomitee beispielsweise behandelt Beschwerden, die sich im Alltag ergeben, denn wertschätzender Umgang ist in der Sudbury Schule besonders wichtig. An dieser Schule soll sich jeder sicher fühlen, um sich in seiner Individualität entfalten zu können.

  Foto Sudbury Schule-Kommissionen

Die Anfangszeit der neuen Schule war geprägt vom Gestalten des Zusammenlebens in der Schule und der Prägung der Schulgemeinschaft. Jedes Mitglied bekommt seine Zeit, sich in diese Gemeinschaft einzufinden und zu erleben, dass der Alltag mit Eigeninitiative mitgestaltet werden kann. Wer sich allerdings bei wichtigen Themen, die am allgemeinen Informationsbrett aushängen, nicht - oder nicht von Beginn an - an der Schulversammlung beteiligt, kann auch nicht entscheiden. Auch das gehört zu den grundlegenden Lernerfahrungen in einer demokratischen Gemeinschaft.

 

Schulorganisation: Lernen in Gleitzeit und Führerscheine

Derzeit besuchen 35 Schüler/innen zwischen 6 und 16 Jahren die Schule, in der es eine Kernzeit zwischen 10:00 und 14:00 Uhr gibt. Ab 8:00 Uhr ist die Schule bereits geöffnet. Wer kommt, trägt sich in eine Liste ein. Um 16:30 Uhr schließt die Schule. Je nach Jahrgangsstufe müssen die Schüler/innen eine festgelegte Stundenzahl pro Woche in der Schule anwesend sein.

Für die einzelnen Funktionsräume, zu denen auch das Freigelände sowie der gesamte Ort gehört, gibt es so genannte Führerscheine. Sie bezeugen, dass die Schüler/innen die entsprechenden Regeln kennen und sich nach ihnen richten. Die Führerscheine müssen individuell erworben werden. Sie können - Schülern und Lehrerinnen gleichermaßen - bei Regelverstoß auch wieder entzogen werden.

Im Ort gibt es einige Bauernhöfe, die mit der Schule kooperieren und zu ganz besonderen Lernorten für die Schüler geworden sind. "Leben ist Lernen", so lautet das Motto der Schule. "Die Sudbury-Schule Ammersee stellt eine Chance dar, mit Mut neue Wege einzuschlagen und dabei die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen", liest man auf der Internetseite der Schule.

  Foto Sudbury Schule-Wer will?

Schüler/innen, die z.T. aus der Freilernerszene kommen und das erste Mal überhaupt - oder nach einer langen Auszeit wieder - eine Schule besuchen, erklären uns, wie sie die Schule empfinden und wie sie hier (wieder) ins Lernen kommen. Sie fühlen sich nicht als Exoten und werden auch außerhalb der Schule von ihren Freunden nicht so wahrgenommen. Viele ihrer Freunde sind wohl eher neidisch auf diese Form des Lernen-Dürfens.

 

Sudbury weltweit

Weltweit existieren derzeit etwa 36 Schulen, die sich an das Modell der ursprünglichen "Sudbury Valley School" anlehnen. Diese war 1968 in Massachusetts in den Vereinigten Staaten gegründet worden. In Europa eröffnete Ende der 90er-Jahre als erste Sudbury Schule die Naestved Fri Skole in Dänemark. In den frühen 2000er-Jahren folgten schließlich auch Gründungen in Deutschland. Oftmals wird der Aufbau deutscher Sudbury Schulen von Problemen beim staatlichen Genehmigungsverfahren begleitet.

 

Eine exotische Schule für neue Impulse in der bayerischen Bildungslandschaft

In Bayern ist die Sudbury-Schule definitiv die exotischste Schule. Alle Besucher sind sich während der Abschlussrunde einig, dass dieses Schulmodell dem Freistaat gut tut und es viele neue Impulse in die Bildungslandschaft bringt. Voller Respekt für den langen Atem und den Mut, diese Schule zu leben, sowie Dankbarkeit für die Offenheit, die Besuchsmöglichkeit und die ehrlichen Einblicke verabschieden wir uns und wünschen weiterhin viel Erfolg.

Den haben sich die Gründerinnen auf jeden Fall verdient, denn neun Jahre hartnäckiges Dranbleiben und sich nicht vom Herzensgedanken und dem Konzept abbringen zu lassen verdient in Bayern besonderen Respekt! Wernz erzählt, dass sie immer daran geglaubt hatte. Kontinuierlicher Beziehungsaufbau brachte ihnen Fürsprecher in der Politik. Es war ihnen wichtig, wirklich am Konzept zu bleiben, denn schließlich gibt es viele positive Erfahrungen aus den Schulen in aller Welt. Die Schule hat nun einen wissenschaftlichen Beirat, der mit prominenten fachkundigen Persönlichkeiten besetzt ist, allen voran Prof. Dr. phil. Ulrich Klemm. Diese Begleitung war wichtige Voraussetzung für die staatliche Genehmigung der Schule.

Wernz und Rüdinger-Wagner sind stolz auf das Land Bayern, das sich traute, diese Schule zu genehmigen. Ihnen ist Pluralismus in der Bildungslandschaft wichtig. Jedoch sollten die Kinder und Jugendlichen überall Erfahrungen der Selbstwirksamkeit machen dürfen.

Wernz sagt, ihr Engagement für die Sudbury Schule habe begonnen erfolgreich zu werden, als sie folgendes verstanden habe: "Du musst nicht gegen etwas kämpfen - sondern für etwas!" Ein gutes Motto auch für andere in der bayerischen Bildungspolitik.

 

Alexandra Lux, Montessori-Pädagogin, LernCoach / Florian Fischer (BLLV)
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