| Element. Bildungsbereich |
Positionspapier Elementarer Bildungsbereich
Kindertageseinrichtungen
Ausgangspunkt dieser Stellungnahme ist die Tendenz, dass die dringend notwendigen Qualitätsverbesserungen von Kindertageseinrichtungen finanziellen Interes-sen geopfert werden.
Ausgangssituation: Kindheit heute
Kindheit hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert:
Noch nie erreichten so viele Kinder und Jugendliche einen höheren Bildungsabschluss wie in den letzten Jahren. Noch nie waren sie materiell so gut versorgt, aber noch nie gab es auch gleichzeitig so viele Sozialhilfefälle.In einer stark wirtschaftlich ausgerichteten Gesellschaft werden Kinder zwar entspre-chend umworben, das Augenmerk auf die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse gerät aller-dings zunehmend ins Abseits. Unter einer Fülle vielfältiger Einflüsse ist es schwer für sie geworden, Orientierung zu finden.
Zunehmend erleben Kinder Trennungssituationen und wachsen mit alleinerziehenden El-tern auf oder in neuen Familienkonstellationen. Viele Kinder leiden unter der Arbeitslo-sigkeit ihrer Eltern und zunehmend auch unter Armut.
Vor allem in den Städten, aber auch bereits auf dem Land gibt es zu wenig Spiel- und Bewegungsräume für Kinder. Wachsende Verkehrsströme und zu kleine Wohnungen belasten Kinder und gefährden ihre Entfaltung.
Kinder erleben die Welt immer mehr aus „zweiter Hand“ über die elektronischen Medien. Sie werden hierbei unkontrolliert auch mit menschenverachtenden, gewaltverherrlichen-den und verantwortungslos veröffentlichten Medienprodukten konfrontiert.
Eltern und Pädagog/innen beobachten mit Sorge, wie viele Jugendliche sich von unserer Gesellschaft abwenden bzw. im Stich gelassen werden. Viele fliehen in Alkohol und an-dere Drogen. Andere wenden sich in Form von politischem Radikalismus, Fremdenhass und Gewalttätigkeit gegen Sachen und Menschen. Gleichzeitig greifen Anspruchsmenta-lität, Konsumorientierung und soziale Rücksichtslosigkeit um sich.
Darauf, dass Kindheit anders als vor zwanzig Jahren erfahren wird, hat der Gesetzgeber mit der Anerkennung der UN-Kinderkonvention und dem neuen Kinder- und Jugendhil-fegesetz - beide 1990 in Kraft getreten - zwar reagiert, bei der notwendigen vollständigen Umsetzung fehlt es allerdings noch am politischen Willen. Auch das Bayerische Kinder-gartengesetz bedarf nach 25 Jahren dringender Verbesserungen.
Der Auftrag des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG)
Für alle Kindertageseinrichtungen für Kinder von 0 - 14 Jahren sieht das KJHG die För-derung der Kinder zur „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ vor. Diese Aufgabe umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung.
Tageseinrichtungen für Kinder tragen als eigenständige Sozialisationsträger zur Bildung und Erziehung unserer Kinder bei.Sozialpädagogische Fachkräfte garantieren dabei die Qualität der Bildungsarbeit durch Orientierung an der Entwicklungspsychologie und der familiären und sozialen Umfeldsi-tuation der Kinder.
Elementare Bildungseinrichtungen müssen sich wohnortnah und sozial integrativ organi-sieren, als pädagogischer Stützpunkt für alle Kinder, auch für Kinder, die besondere Förderung brauchen. In entsprechend konzipierten Tageseinrichtungen können Verzöge-rungen und Störungen in der kindlichen Entwicklung zum erheblichen Teil aufgefangen und ausgeglichen werden.
Sozialpädagogische Fachkräfte beziehen die Eltern in ihre pädagogische Arbeit mit ein, leisten familienpädagogische Bildungsarbeit und stellen Vernetzung mit anderen Einrich-tungen wie Schulen, Frühförderung u. a. her. Tageseinrichtungen für Kinder sind daher eine wichtige Kontaktstelle der öffentlichen und familiären Erziehung. Professionalität des Personals ist daher unabdingbar.
Notwendige Rahmenbedingungen
Die Sicherung der Qualität von Kindertageseinrichtungen ist nach dem KJHG Aufgabe von Ländern und Kommunen.
Das Recht des Kindes auf öffentliche Förderung seiner individuellen und sozialen Ent-wicklung beinhaltet für alle Verantwortlichen die Aufgabe, qualitative Maßstäbe an die Bildungseinrichtung zu legen:
Die elementaren Bildungseinrichtungen in Bayern müssen in ihren Rahmenbedingungen an die aktuellen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien angepasst werden. Ihre Bemühun-gen müssen von Gesellschaft und Politik unterstützt werden.
- Kinder müssen in ihren individuellen Grundbedürfnissen geachtet werden.
- Jedes Kind muss als eigene Persönlichkeit mit seiner familiären Situation wahrgenommen werden können.
- Kinder brauchen Zeit, Ruhe und Raum, um wesentliche soziale Erfahrungen machen und ihre Fähigkeiten altersgemäß und eigenverantwortlich entwickeln zu können.
- Kinder brauchen persönliche Beziehung und ausreichend Zuwendung, um ICH-Stärke und Selbstvertrauen zu gewinnen.
- Im Interesse der Kinder müssen Eltern in Ihrer Erziehungsarbeit und -fähigkeit unter-stützt und ermutigt werden.
Weil Kinder im elementaren Lebensalter grundlegend geprägt werden, kommt der Arbeit in den Kindertageseinrichtungen hohe Bedeutung zu. Es stellen sich daher folgende kritische Fragen:
- Kann in einer regulären Gruppe von 25 drei- bis sechsjährigen Kindern wirklich noch jedes einzelne Kind wahrgenommen werden?
- Können unter den jetzigen Bedingungen alle Kinder je nach ihrem familiären Umfeld und ihren ganz individuellen Anlagen und der Spannbreite ihrer kulturellen Hinter-gründe genügend gefördert werden?
- Können Kinder in diesem Alter bei dieser Gruppenstärke ohne weiteres den Ge-räuschpegel, die sozialen Anforderungen und personellen Beziehungswechsel bewältigen?
- Kann dem Geborgenheitsbedürfnis und dem Gestaltungswillen von 50 Kindern in doppelt belegten Räumen auch nur halbwegs entsprochen werden?
- Kann dem Bewegungsbedürfnis von 25 Kindern in 50 qm großen Gruppenräumen (gesetzlicher Standard) überhaupt Rechnung getragen werden, wenn sie diese mit 24 anderen Kindern, zwei Erwachsenen und Mobiliar samt Spielsachen teilen müs-sen?
Die täglichen Herausforderungen an das Erziehungspersonal sind vielseitig und umfas-send. Sind die Fachkräfte dafür genügend ausgestattet? Kinder brauchen neben geeig-neten Räumen und kleinen Gruppen aber auch pädagogische Fachkräfte, die genügend Zeit und Raum zur Verfügung haben, ihre pädagogische Arbeit vor- und nachzubereiten.Hierzu gehört beispielsweise, dass die Pädagog/innen
- ihr Handeln reflektieren
- sich mit dem Team und vernetzenden Einrichtungen beraten
- Konzepte und Projekte entwickeln
- Arbeitsmaterial vorbereiten
- Praktika anleiten, Nachwuchs ausbilden
- Eltern einbeziehen und beraten
- kindorientierte Pädagogik nach außen vertreten
FazitIn der Praxis der Tageseinrichtungen sind die drei Komponenten Bildung, Erziehung und Betreuung untrennbar verknüpft. Die Fachkräfte verbinden die sozialpolitischen Aufga-ben (die es seit Beginn von Kindereinrichtungen gibt) mit den bildungspolitischen und versuchen zwischen den Bedürfnissen der Kinder und denen der Eltern zu vermitteln.
Bildungseinrichtungen für Kinder müssen dabei vor allem der Entwicklung und Förde-rung der Kinder dienen und dürfen nicht zu Aufbewahrungseinrichtungen degenerieren, die sich lediglich dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit und der Kostenersparnis unterzuord-nen haben.
Da die gesellschaftliche Situation die grundlegenden Bedürfnisse der Kinder zunehmend weniger erfüllt und Kinder leider auch von vielen Politikern zu sehr unter der Perspektive der leeren Kassen behandelt und seltener als Gewinn für unsere Gesellschaft betrachtet werden, sollten alle Verantwortlichen im Erziehungs- und Bildungsbereich ihre Zusam-menarbeit intensivieren.
Forderungen
Das Forum Bildungspolitik fordert, dass die UN-Kinderkonvention beachtet, das KJHG in diesem Sinne umgesetzt und das Bayer. Kindergartengesetz weiterentwickelt und ver-bessert wird. Die gesetzlich vorgeschriebene Jugendhilfeplanung in jeder Kommune muss daher mit verlässlichen Qualitätskriterien und unter Beteiligung und Mitbestimmung der Betroffenen umgesetzt werden. Das erfordert für Kindertageseinrichtungen:
- kleinere Gruppen (15 - 20 Kinder)
- Öffnungszeiten, die sich vor allem an der Belastbarkeit von Kindern orientieren und Elternbedürfnisse berücksichtigen
- mehr bezuschusstes Personal, das nach Anzahl der Kinder, der Gruppen, nach Öffnungszeit und konzeptionellen Aufgaben bemessen wird
- keine Wechselgruppen oder Doppelbelegungen
- mehr Bewegungsraum für jedes Kind
- wohnortnahe Integration von behinderten und nichtbehinderten Kindern
- mehr kinderfreie Arbeitszeit für flankierende pädagogische Arbeit
- garantierte Freistellung für Leitungsfunktionen
- garantierte und deutlich erweiterte Vor- und Nachbereitungszeiten
- Stärkung der Familie durch aktive Programme und mobile Fachdienste
- die Anhörung und Einbeziehung der pädagogischen Fachkräfte auf allen Ebenen (Träger-, Orts-, Kreis-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene) durch kompetente Ver-treter/innen des Berufsstandes
Die Verwirklichung dieser Qualitätskriterien ist aber vorwiegend von der Finanzkraft der Kommunen und freien Träger abhängig. Das Forum Bildungspolitik fordert deshalb, dass die Staatsregierung als oberste Landesbehörde der Jugendhilfe ihre Kommunen mehr als bisher unterstützt, damit diese ein qualitativ hochwertiges und ausgeglichenes Spekt-rum von Einrichtungen und sozialen Diensten auch im Elementarbereich garantieren können.
April 1997
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