| PISA: Geschlecht |
Petition an den Bayerischen Landtag vom 16.12.2002
Geschlechtsspezifische Förderung von Kindern und Jugendlichen
Konsequenzen aus der PISA-Studie
Das Forum Bildungspolitik in Bayern befasst sich seit längerem mit geschlechtsspezifischem Lernverhalten und den Möglichkeiten einer geschlechtsspezifischen Förderung. Die aufsehenerregende PISA-Studie beinhaltet auch zu dieser Thematik eine Reihe bemerkenswerter Aussagen. Diese wurden bislang jedoch kaum rezipiert. Das Forum Bildungspolitik in Bayern beabsichtigt mit dieser Petition diese Lücke zu schließen.
Die Studie „PISA 2000 - Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich“ hat im Kapitel 5 „Geschlechterunterschiede in Basiskompetenzen“ u.a. festgestellt:
- Zu den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften: „In allen drei Domänen sind spezifische Stärken und Schwächen von Mädchen und Jungen zu beobachten.“ (S. 257)
- Zum Bereich Lesen im internationalen Vergleich: „In allen Teilnehmerstaaten erreichen die Mädchen höhere Testwerte als die Jungen, und der Unterschied ist in jedem Land signifikant.“ (S. 251)
- „Im Vergleich zu Mädchen bereitet es Jungen deutlich größere Schwierigkeiten, Texte und ihre Merkmale kritisch zu reflektieren und zu bewerten.“ (S. 257)
- „Frühere Studien (...) weisen darauf hin, dass sich Jungen und Mädchen im Grundschulalter im Hinblick auf ihr Interesse am Lesen noch nicht bedeutsam unterscheiden. Wann genau die Jungen das Interesse stärker zu verlieren beginnen, ist jedoch weitgehend unbestimmt.“ (S. 266f)
- „Möglicherweise trägt der hohe Anteil von Jungen mit ausgeprägten Schwächen im verbalen Bereich (...) dazu bei, dass Jungen in leistungsschwächeren Schulformen überrepräsentiert sind.“ (S. 261f)
- Zum Bereich Mathematik: „In der Mathematik lassen sich Leistungsvorteile für die Jungen feststellen (...).“ (S. 253)
- Zu den naturwissenschaftlichen Kompetenzen: „(...) der Leistungsvorsprung der Jungen (ist) besonders groß, wenn es zur Lösung der Aufgabe erforderlich ist, Faktenwissen aus dem Gedächtnis abzurufen und anzuwenden oder ein mentales Modell heranzuziehen.“ (S. 257)
- Zum nationalen Test: „Weiterhin zeigt sich erneut, dass der Leistungsvorteil zu Gunsten der Jungen im Bereich Physik besonders ausgeprägt ist und sie auch in den Chemieaufgaben bessere Ergebnisse erreichen als die Mädchen.“ (S. 256f)
- „Die Ergebnisse der Mediationsanalysen weisen darauf hin, dass Bemühungen um einen Ausgleich von Benachteiligungen der Jungen im Lesen insbesondere an der Lesemotivation und an den Leseaktivitäten ansetzen müssen.“ (S. 266)
Hinweis: Die Wörter ‚Schwächen’ und ‚Benachteiligungen’ werden in der PISA-Studie synonym gebraucht.
- „Insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung von räumlichem Vorstellungsvermögen und Modellierungsfähigkeiten scheinen (gemeint ist: bei den Mädchen) verstärkte Bemühungen notwendig zu sein.“ (S. 267)
- „(...) im Bemühen, die relativen Schwächen des einen Geschlechts auszugleichen, (wäre) auch darauf zu achten, dass die des anderen Geschlechts nicht gleichzeitig verstärkt werden.“ (S. 251)
Aus der Sicht des Forum Bildungspolitik in Bayern sind diese Ergebnisse um zwei Feststellungen zu ergänzen, die jenseits der Ergebnisse der PISA-Studie von Relevanz sind:
- In Kindergarten und Grundschule sind überwiegend Frauen tätig. Die Arbeit in diesen Bereichen ist für männliche Pädagogen meist nicht so erstrebenswert. Es ist davon auszugehen, dass das Fehlen des männlichen Elements im frühen Bildungsbereich erhebliche Konsequenzen zeitigt, die weiter zu erforschen sind.
- Die ersten Bildungsstufen werden bisher gesellschaftlich und politisch weniger beachtet und gewichtet als die höheren.
Das Forum Bildungspolitik in Bayern erhebt vor diesem Hintergrund folgende Forderungen:
1. Geschlechtsspezifisches Verhalten erforschen!
Geschlechterspezifisches Lehr- und Lernverhalten in Kindergarten und Grundschule ist verstärkt zu erforschen und die Forschungsergebnisse umzusetzen.
2. Zusätzliche Ausbildungsinhalte einführen!
Geschlechtsspezifische Einstellungen und Verhaltensweisen von Pädagog/innen zu Kindern des eigenen bzw. des anderen Geschlechts müssen aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen reflektiert werden. Um die eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen zu Schüler/innen bewusst zu machen, sind entsprechende Inhalte in die Aus- und Fortbildung von Lehrer/innen und Erzieher/innen einzuführen.
3. Elementar- und Primarbereiche höher bewerten als bisher!
Für beide Bereiche sollen mehr Männer gewonnen werden.
Dazu gehört, das gesellschaftliche Ansehen dieser Berufsgruppen anzuheben. Dies soll erreicht werdendurch gleichwertige Studienabschlüsse in den entsprechenden Bildungsbereichen, durch entsprechend höhere tarifliche Einstufung.
4. Sozialkompetenz für Mädchen und Jungen stärken!Die Veränderung der Familienstrukturen bringt es mit sich, dass männliche Verhaltensformen in der Familie oft nicht mehr oder nicht mehr hinreichend erfahren werden können. Deshalb muss ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern auf allen Stufen des Bildungswesens erreicht werden. Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit erhalten, sich auch an männlichen Vorbildern zu orientieren, insbesondere um ihre geschlechtsspezifische Sozialkompetenz ausgewogen einüben zu können.
5. Leseanreize für Jungen fördern!
Freizeitverhalten ist geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Es scheint, dass Jungen weniger gern lesen. Das Leseinteresse der Jungen ist deshalb verstärkt zu fördern. U.a. sind die Klassen- und Schulbibliotheken so zu gestalten, dass Jungen verstärkt zum Lesen motiviert werden (insbesondere breites, an den Interessen der Jungen orientiertes Leseangebot, niedrige Zugangsschwellen).
6. Koedukation in naturwissenschaftlichen Fächern ab der 7. Jahrgangsstufe zeitweise aufheben!
Wenn die Pubertät einsetzt, kann es sinnvoll sein, in den naturwissenschaftlichen Fächern die Koedukation ab der 7. Jahrgangsstufe zeitweise auszusetzen. Mädchen unter sich lernen in diesen Fächern unbefangener, wenn sie nicht mit den Vorurteilen und der Kritik von Jungen konfrontiert sind. Dies belegen Erfahrungen aus der Praxis eindeutig. Damit die Koedukation zeitweise aufgehoben werden kann, werden mehr Lehrerstunden benötigt.
Der Bayerische Landtag hat die Petition am 5.6.2003 beraten und mit den Stimmen der CSU der Bayerischen Staatsregierung als Material überwiesen (§ 84 Nr. 3 GeschO). SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben für die Umsetzung der Petition gestimmt.
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