| PISA: Förderung aller Kinder |
Petition an den Bayerischen Landtag vom 19.12.2002
Förderung aller Kinder von Anfang an
Abbau sozialer Benachteiligung in Kindergarten und GrundschuleKonsequenzen aus der PISA-Studie
Eine der wichtigsten Konsequenzen aus der PISA-Studie und der sich anschließenden Diskussionen ist die Notwendigkeit verstärkter Förderung von Kindern im elementaren und primaren Bildungsbereich.
Das Forum Bildungspolitik in Bayern fordert, dass die Forschungsergebnisse über die frühen Jahre der Kindheit konsequent umgesetzt und die dazu erforderlichen Mittel bereitgestellt werden.
Aussagen der Lernforschung
Die moderne Hirnforschung stellt bei Lernprozessen den systematischen Aufbau synaptischer Verbindungen der Nervenzellen fest. Sie fordert als Konsequenz eine möglichst frühzeitige Förderung von Kindern. Sensible Perioden beim Lernenden sind zu nützen und Nachteile einer impulsarmen frühkindlichen Sozialstation baldmöglichst zu kompensieren. Kindergarten und Grundschule wird dabei eine wesentliche Rolle zugesprochen. Versäumtes kann später nur schwer nachgeholt werden.
Bestehende Hilfsangebote für Kinder mit Schwächen im Elementar- und Primarbereich
Im Bayern besteht bereits ein System von Hilfen: Kinder im Alter bis vier Jahren werden im Rahmen der interdisziplinären Frühförderung und in Sozialpädiatrischen Zentren betreut und gefördert. Für Kindergartenkinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wurden Schulvorbereitende Einrichtungen (SVE) und mobile sonderpädagogische Hilfen (msH) geschaffen. In der Grundschule übernehmen Beratungslehrer/innen, Förderlehrer/innen, Schulpsychologen und die Mobilen Sonderpädagogischen Dienste (MSD) sowie die Mobile Erziehungshilfe und Sonderpädagogen die wichtigen Aufgaben der Diagnostik, Beratung und Förderung.
Forderungen des Forum Bildungspolitik in Bayern für den Elementarbereich
Das Forum Bildungspolitik in Bayern stellt fest, dass die personellen und zeitlichen Ressourcen bei Weitem nicht ausreichen, insbesondere auch um sozial benachteiligten Kindern die notwendigen Hilfen im erforderlichen Umfang zu geben. Wir fordern deshalb:
Aussagen des Lehrplans für die Grundschule:
- Eine generell höhere Wertschätzung des Elementarbereichs als grundlegendem Bildungsbereich. Die sprachliche und die kommunikativ-soziale Förderung der Kinder ist besonders zu beachten.
- Der Kindergarten ist die erste Stufe des institutionellen Bildungswesens und sollte deshalb wieder dem Kultusministerium zugeordnet werden.
- Ein Erziehungs- und Bildungsplan für Kindertagesstätten ist zu entwickeln. Dabei sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die veränderte Kindheit und die Erfahrungen der Praxis zu berücksichtigen. Den Beschäftigten und ihren Organisationen ist ein adäquates Mitspracherecht einzuräumen.
- Die Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation in den Kindergärten bis zum Verhältnis 1:7 (europ. Netzwerk Kinderbetreuung) erscheint angemessen, um dem Anspruch auf normale Förderung der Kinder genügen zu können. Dies erfordert insgesamt mehr qualifiziertes Fachpersonal.
- Die Erzieher/innenausbildung ist auf einen europaweit gleichwertigen Studienabschluss hin weiterzuentwickeln.
- Eltern sind in ihrer Erziehungsarbeit verstärkt zu unterstützen durch Vernetzung mit kommunalen, kirchlichen und sonstigen örtlichen, regionalen und überregionalen Einrichtungen. Hierfür sind entsprechende Stundenkontingente für die sozialpädagogischen Fachkräfte zur Verfügung zu stellen.
- Die interdisziplinäre Frühförderung und die mobilen sonderpädagogischen Hilfen (msH) sind in enger Kooperation mit den Familien und Kindertagesstätten bedarfsgerecht auszubauen und konzeptionell weiterzuentwickeln.
- Kindergärten sollen gebührenfrei gestellt werden.
Der Lehrplan für die Grundschule aus dem Jahr 2000 postuliert, die Kinder abzuholen, wo sie stehen:
„Die Grundschule hat den Auftrag, alle Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Es geht dabei vor allem darum, Wissenserwerb zu ermöglichen, Verstehen anzubahnen, Interessen zu entwickeln, soziale Verhaltensweisen, sowie musische und praktische Fähigkeiten zu fördern und Werthaltungen aufzubauen.“
„Die Grundschule als erste und gemeinsame Schule ist Lernort und Lebensraum für eine Schülerschaft von großer Heterogenität in Bezug auf ihre familiäre, soziale, regionale und ethnische Herkunft, sowie ihre individuellen Lern- und Leistungsdispositionen. Entsprechend unterschiedlich sind Vorerfahrungen, religiöse und ethische Orientierungen, Lernbedingungen und Leistungsvermögen sowie die geschlechtsspezifische Sozialisation.“ (Kapitel 1, Abschnitt 1 „Bildung und Erziehung als Auftrag der Grundschule“)
Forderungen des Forum Bildungspolitik in Bayern für den Primarbereich
Um ihrem umfassenden Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht werden zu können, muss die Grundschule nachhaltig unterstützt werden. Das Forum Bildungspolitik in Bayern fordert für den Primarbereich:
Kooperation von Kindergarten und Grundschule
- Die institutionellen Hilfs- und Fördersysteme sind auszubauen und zu vernetzen:
- Beratungslehrer/innen vor Ort für maximal 200 Kinder
- Mobile Sonderpädagogische Dienste für Diagnostik, Beratung, Betreuung und Förderung aller Kinder mit besonderem Förderbedarf vor Ort und bedarfsgerecht
- einsetzbare Förderlehrer/innen für jede Schule
- Mehrung der Stellen für Schulpsychologen
- Integrationsklassen für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen sind zu ermöglichen bzw. auszubauen.
- Flexible Eingangsstufen (zwei- oder dreijährig) sind als wohnortnaher Lern- und Förderort auch an Grundschulen anzubieten.
- Die Möglichkeit prozessdiagnostischer Begleitung und Förderung von jedem einzelnen Kind ist insbesondere durch folgende Maßnahmen zu gewährleisten:
- Klassen mit der Höchstzahl 25, dadurch eine Verbesserung der Schüler-Lehrer- Relation
- zusätzliche Förderstunden und durchlässige Fördergruppen für Kinder mit Lernproblemen und Verhaltensauffälligkeiten
- feste Teamzeiten für die mit den Kindern befassten Personen im Rahmen des Unterrichtsdeputats
- institutionalisierte Sprachförderung von Kindern mit Sprachauffälligkeiten - sowohl Kinder mit Migrationshintergrund als auch muttersprachlich wenig geförderte oder sprachentwicklungsverzögerte Kinder
- enge Zusammenarbeit und Abstimmung mit außerschulischen Hilfs- und Förderangeboten (Logopädie, Ergotherapie, Heilpädagogische Tagesstätten, soziale Familiendienste usw.)
- Auf- bzw. Ausbau der Schulsozialarbeit
- Stundenpools und Budgets für Diagnostik und Fördermaßnahmen zur Verteilung durch die einzelne Schule
- Auf- bzw. Ausbau der Nachmittags- und Ganztagsangebote
- nachfrageorientierte, spezifische Fortbildungsangebote für Lehrkräfte
Eine wirksame Förderung der Kinder von Anfang an erfordert eine stete und enge Kooperation von Kindergarten und Grundschule. Das Forum Bildungspolitik in Bayern fordert, hierfür die personellen und sächlichen Voraussetzungen zu gewährleisten. Dies gilt insbesondere für folgende Maßnahmen:
- Gegenseitige Hospitationen zum Kennenlernen der Kinder und der jeweiligen Methoden
- Gemeinsame Konferenzen von Kindergarten und Grundschule
- Gemeinsame Fortbildungen (z.B. zum Übergang vom Kindergarten zur Grundschule, zur Schulfähigkeitsförderung, zum Schriftspracherwerb, zur Förderung von Sprachkompetenz, zur Förderung mathematischer Grundlagen etc.)
Der Bayerische Landtag hat die Petition am 5.6.2003 beraten und mit den Stimmen der CSU aufgrund der Erklärung der Bayerischen Staatsregierung für erledigt erklärt (§ 84 Nr. 4 GeschO). SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben für die Umsetzung der Petition gestimmt.
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