Petition an den Bayerischen
Landtag vom 23.5.2003
Der Ausschuss für Bildung-, Jugend und Sport hat die Petition des Forums am 9.7.03 beraten und befürwortet
("Würdigung" gem. § 84, Nr. 3 der GeschO). Die Staatsregierung
soll prüfen, wie die Verbesserung der Lesefähigkeit gefördert werden kann.
Unsere Schulen müssen
Lese-Häuser werden!
Lesen - Grundlage aller Bildung
Eines der wichtigsten Ergebnisse der Pisa-Studie
sind Lesefertigkeit und -verstehen (literacy) als Basisqualifikationen
bzw. Grunddispositionen für schulische Ausbildung und Bildung. Hierbei
hat Lesen vor allem folgende Funktionen:
-
Es eröffnet Wege zu Kultur und Zivilisation.
-
Es befähigt zum Umgang mit gestellten
Problemen.
-
Es dient der Unterhaltung.
-
Es trägt entscheidend zur Persönlichkeitsbildung
bei.
Beim Lesen kommt es u.a.
-
zur Vermittlung von Kenntnissen, Fakten und
Daten sowie von Fertigkeiten zum Wissenserwerb,
-
zur eigenständigen Erschaffung einer
Welt innerer Bilder als unersetzlicher Beitrag zur Entwicklung von Begriffen,
Ideenreichtum, Phantasie und Kreativität,
-
zur Entwicklung und Förderung von Muße,
Geduld, Ausdauer und Stetigkeit angesichts der Reizüberflutung durch
Musik, Videoclips und Fernsehen,
-
zum Kennenlernen und Erproben verschiedener
Rollen und Lebensentwürfe, als Möglichkeiten, gleichsam aus dem
eigenen Lebensraum heraustreten und Begrenztheiten kompensieren zu können.
Erschreckende Befunde
Erschreckend ist der Befund der PISA-Studie,
wonach in Deutschland viele Kinder und Jugendliche nur ungern lesen. Ebenso
erschreckend ist die Spaltung in Lesefreudige und Wenig- bzw. Nichtleser.
Sie ist nicht ungefährlich für die Zukunft unserer Gesellschaft,
weil sie zu deren Auseinanderdriften beiträgt.
Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken,
ist die Freude am Lesen gezielt zu fördern.
Einen wichtigen Beitrag hierzu können
Schülerbibliotheken leisten. Ihnen kommt in Ganztagsschulen bzw. in
der Mittags- und Nachmittagsbetreuung besondere Bedeutung zu.
Bisher erfüllen diese Bibliotheken
ihre Funktionen oftmals nur unzureichend. Dies liegt vor allem daran, dass
-
sie nicht selten Stiefkinder der Schule sind,
mit der Folge einer zu geringen finanziellen und personellen Ausstattung,
-
sie in abgelegenen Teilen der Schulgebäude
untergebracht sind und ein wenig einladendes Ambiente haben („Bücherkammer“
mit abgenütztem Mobiliar),
-
bei ihrer Benutzung die Angst vor Beschädigung
und Verlust eine unangemessen große Rolle spielt,
-
sie häufig in andere Bibliotheken der
Schule eingeordnet und so ihrem eigentlichen Zweck entfremdet werden,
-
sie zu stark auf Unterricht und schulisches
Lernen hin angelegt sind,
-
sie mitunter zu stark den neuen elektronischen
Medien Rechnung tragen und ihnen gegenüber kein hinreichendes Eigenprofil
als „Leseorte“ entwickeln.
Das Forum Bildungspolitik in
Bayern sieht das primäre Ziel der Schülerbibliotheken darin,
Lesefreude zu wecken und zu stillen. Wir treten mit Nachdruck für
eine Aufwertung dieser Bibliotheken ein. Das Forum Bildungspolitik in Bayern
nennt dazu folgende Anregungen und Forderungen, die in entsprechend modifizierter
Form auch für Klassenbibliotheken Geltung haben:
-
Schülerbibliotheken sollen eine bewusste
Alternative zum Unterrichtsbetrieb bilden und im gesamten Schulleben verankert
sein
Um dies zu erreichen, stellt das Forum
Bildungspolitik in Bayern fest: Die Schülerbibliotheken leisten gerade
dann dem schulischen Lernen einen unverzichtbaren Dienst, wenn sie ein
Ort freier, ungesteuerter Betätigung der Schüler/innen sind.
Es sind auseinander zu halten:
-
Die gesamtschulische Arbeitsbibliothek
für Lehrer/innen und Schüler/innen. In ihr sollten Lehrerbibliothek,
Kollegstufenbibliothek und ggf. Fachbibliotheken zusammengefasst werden.
-
Die Klassenbibliothek im Klassenzimmer.
Sie hat eine leichte Zugriffsmöglichkeit und bildet einen ständigen
Leseimpuls.
-
Die Schülerbibliothek als ungesteuerter
und selbstständiger Ausleih- bzw. Leseort der gesamten Schule. Die
Bibliothek sollte deshalb keinesfalls mit der Arbeitsbibliothek zusammengelegt
oder mit außerschulischen Bibliotheken organisatorisch vernetzt werden.
Für das skizzierte Schülerbibliothekskonzept
ist die Unterstützung durch das Kollegium und die Schulleitung, die
Schülervertretung, vor allem aber auch durch Elternschaft und schulisches
Umfeld notwendig.
-
Schülerbibliotheken müssen die
Freude am Lesen zum Ziel haben und einladend gestaltet sein
Das Forum Bildungspolitik in Bayern
fordert für Schülerbibliotheken folgende Gestaltung:
-
Schülerbibliotheken müssen ein attraktives
Angebot an „klassischen“ und an aktuellen Jugendbüchern und -sachbüchern
haben. An Zeitschriften und Heften sollten nur solche mit korrektem Deutsch
aufliegen.
-
Schülerbibliotheken sollten so organisiert
sein, dass sie von den Kindern und Jugendlichen zu ihrer eigenen Sache
gemacht werden; dem dient eine möglichst weitgehende und verantwortliche
Beteiligung an der Bibliotheksgestaltung und -verwaltung (Begutachtung
und Auswahl von Neuanschaffungen, Bestandsverwaltung, Ausleihe usw.).
-
Schülerbibliotheken müssen in einem
einladenden, hellen und im zentralen Schulbereich liegenden Raum untergebracht
sein, der auch außerhalb des Unterrichts zugänglich ist. Der
Raumbedarf ist bei Raumplanungsmaßnahmen der Schule frühzeitig
zu berücksichtigen.
-
Schülerbibliotheken müssen sich
durch ihr Ambiente und ihre Atmosphäre deutlich vom Unterrichtsbetrieb
unterscheiden („Wohlfühlzone“; „Achtung: Unterrichtsfreie Zone!“).
Dazu sollte ein eigener Namen gefunden werden wie „Schmökerstube“,
„Leseinsel“, „Leseburg“ oder „Leserattentreff“.
-
Schülerbibliotheken müssen „schmökerfreundlich“
gestaltet sein, mit Lesenischen, Lesetreppen, Lesekisten, Polstern, Leselampen
u.Ä., sowie mit offenem Zugang zu den Büchern.
-
Schülerbibliotheken müssen auf „Bücherverbrauch“
eingestellt sein; dazu gehört auch ein unkomplizierter bzw. unbürokratischer
Umgang mit dem Verlust von Büchern.
-
Schülerbibliotheken müssen ausreichende
Öffnungszeiten haben (in den Pausen, auch am Nachmittag) und in Vertretungsstunden
zu besuchen sein.
-
Auch außerhalb der Schülerbibliotheken
sollten Ausleih- und Lesemöglichkeiten eingerichtet werden:
-
Klassenbibliotheken im Klassenzimmer, die
von den Jugendlichen selbst zusammengestellt und betreut werden;
-
Leseecken im Klassenzimmer;
-
Leseinseln im Schulhaus, in denen man ausgeliehene
Bücher z.B. in der Pause oder in Freistunden lesen kann.
-
Schülerbibliotheken müssen immer
neue Aktionen zur Förderung der Lesefreude starten
Mitglieder eines Träger- bzw.
Freundeskreises (s. Punkt 5), Lehrkräfte und Schüler/innen sollten
ein „Kreativteam“ bilden, das immer neue Aktionen plant und durchführt.
Zu denken ist beispielsweise an:
-
Plakatwettbewerbe zum Lesen und zur Nutzung
der Schülerbibliotheken (in Zusammenarbeit mit den Kunsterzieher/innen);
-
Klassen-Ausleihwettbewerbe;
-
Lese- und Vorlesewettbewerbe mit Preisen (eventuell
in Kooperation mit lokalen Radiostationen);
-
Lese-, Vorlese- und Erzählstunden schwerpunktmäßig
für Grundschulkinder (durchgeführt auch durch pensionierte Lehrkräfte,
Eltern und Großeltern u.a.);
-
klassen- oder schulartübergreifende Leseprojekte
(z.B. ältere Schüler lesen mit Grundschülern; Lesepatenschaften);
-
eigene Schreibwettbewerbe und Büchererstellungen
(wenn möglich unter Benutzung einer schuleigenen Druckerei, Bücher
z.B. als Geschenk an Kindergärten);
-
Bücherquiz, Bücherverlosungen;
-
Bücherbasar z.B. am „Tag der offenen
Tür“, an Elternsprechtagen oder bei anderen Schulveranstaltungen;
-
Rabatte im Schreibwaren/Buchgeschäft
ab einer bestimmten Ausleihzahl;
-
Buchbesprechungen, Kurzeinführung in
Bücher im Aushang; Vorstellung des „Buches der Woche“ am Schwarzen
Brett;
-
Buchausstellungen, Vorstellung von Neuanschaffungen;
-
Exkursionen in örtliche Bibliotheken;
-
Autorenlesungen;
-
Gründung eines Leseclubs oder eines Jugendliteraturkreises
(evtl. mit eigenen Schreibversuchen);
-
Gründung einer jahrgangsübergreifenden
Schülerfirma „Buch AG“ zur Gestaltung und Verwaltung der Schülerbibliothek
evtl. unter begleitender Mitwirkung Erwachsener);
-
Lesenächte;
-
Werbeaktionen für das Abonnement von
Schul-Jugendzeitschriften;
-
Bücherrallye;
-
Projektwochen Lesen.
-
Schülerbibliotheken müssen von
Initiativen aller Bildungseinrichtungen zur Steigerung des häuslichen
Lesens begleitet werden
Das Forum Bildungspolitik in Bayern
spricht sich für folgende Initiativen zur Förderung des häuslichen
Lesens aus:
-
Aufklärungsaktionen über die Bedeutung
des Lesevorbildes der Eltern und des Vorlesens im frühen Kindesalter;
-
Ermutigung und praktische Anregungen zum Vorlesen
in der Familie;
-
Anregungen, um Kinder und Jugendliche zum
häuslichen Lesen zu führen;
-
Elternrundbriefe, Elternabende und Elternseminare
über Fragen der Leseerziehung und mit Vorstellung empfehlenswerter
Bücher (u.a. als Geschenk an Festtagen, Kommunion, Firmung, Konfirmation);
-
Kooperation mit Kindertagesstätten: z.B.
gemeinsame Aktionen zur Verbesserung der Fähigkeit zuzuhören
sowie um die Freude am Buch zu stärken;
-
Kontakte zu außerschulischen Bildungseinrichtungen
am Ort: politische Gemeinde, Pfarreien, Volkshochschule u.a.
-
Gewinnung außerschulischer Ausbildungs-
und Beratungspartner für Schülerbibliotheken.
-
Schülerbibliotheken sollten neben
einer Lehrkraft als Leiter/in einen freien Träger- bzw. Freundeskreis
haben
Das Forum Bildungspolitik in Bayern
spricht sich für die Einrichtung von Träger- bzw. Freundeskreisen
aus. Hierfür muss gelten:
-
Der Freundeskreis setzt sich aus engagierten
Eltern, älteren und ehemaligen Schüler/innen, Mitgliedern der
Schülervertretung, aktiven und pensionierten Lehrkräften oder
anderen interessierten und geeigneten Personen zusammen.
-
Der Freundeskreis braucht an der Schule entsprechende
Rahmenbedingungen: Öffnung des Schulhauses für Mitglieder, Bereitstellung
bzw. Einwerbung der erforderlichen finanziellen Mittel, Unterstützung
durch Schule und Schulaufsicht.
-
Die Schule benötigt für die Leitung
einer einladend gestalteten und attraktiven Schülerbibliothek entsprechende
Anrechnungsstunden.
-
Die Werbung für den Freundeskreis geschieht
u.a. in Jahresberichten der Schule, per Rundbrief an Eltern und ehemalige
Schüler/innen, durch Vorstellung in den höheren Klassen oder
aber durch eigene (Auftakt-)Veranstaltungen.
-
Aufgaben des Freundeskreises sind: Gestaltung
und Betreuung des Raumes der Bibliothek unter dem Motto „Hier lebt das
Buch“ (Einrichtung, Öffnung, Aufsicht, Benutzungs- und Benimmregeln),
Aufbau, Erhaltung und Ausbau des Buch- und Zeitschriftenbestands, Einwerbung
von Finanzmitteln, die Entwicklung und Realisierung von immer neuen Ideen
zur Stärkung der Lesefreude der Kinder und Jugendlichen, schließlich
Aufbau und Pflege von unterstützenden Kontakten außerhalb der
Schule
-
zu Personen: Autoren, Lektoren, Schauspieler,
„Amateur-Vorleser“ u.a.m.
-
zu Firmen/Einrichtungen/Institutionen: Verlage,
andere Schulen/Bildungseinrichtungen, örtliche Bibliotheken und deren
Mitarbeiter/innen (Klassenführungen in der Bibliothek, Klassenbesuche
mit Vorstellung neuer Bücher usw.)
-
Es könnte auch an der Schule eine eigene
„Arbeitsgemeinschaft Schülerbibliothek“ gegründet werden, die
von einer Lehrkraft bzw. der Schülervertretung geleitet wird. Die
Arbeitsgemeinschaft sollte jahrgangsstufenübergreifend eingerichtet
werden, um die Kontinuität der Arbeit zu sichern. Ihre Aufgaben deckten
sich im Wesentlichen mit denen des Freundeskreises. Die Teilnahme an der
Arbeitsgemeinschaft sollte mit gelegentlichen Sonderaktionen (Exkursionen,
kleine Feiern usw.) und einer Zeugnisbemerkung gewürdigt werden.
-
Schülerbibliotheken brauchen Sponsoren
Schülerbibliotheken brauchen zur
Gestaltung des Raumes, für die laufende Organisation und zum Erhalt
und Ausbau des Buchbestandes finanzielle Mittel. Wenn sie vom Schulträger,
vom Sachaufwandsträger und der Schulleitung nur unzureichend zur Verfügung
gestellt werden können, sind die Schülerbibliotheken umso dringender
auf außerschulische Förderer und Patenschaften angewiesen. Dies
können aus Sicht des Forum Bildungspolitik in Bayern sein:
-
Firmen, Banken und die Geschäftswelt
im Umfeld der Schule, die im Rahmen der ministeriellen Vorschriften auch
für sich werben können (durch Buchaufkleber, in Anzeigen u.Ä.).
Gleiches gilt für überregionale Firmen, die mit ihren Produkten
in besonderer Weise Kinder und Jugendliche ansprechen.
-
Weitere mögliche Sponsoren sind u.a.
Eltern, Elternbeirat, ehemalige Schüler/innen, Stiftungen, Verlage
(Überlassung von Restexemplaren), aber auch Familien, deren Kinder
dem Jugendbuchalter entwachsen sind.
-
Erhebliche Mittel können den Schülerbibliotheken
durch Einnahmen bei schulischen Veranstaltungen (Basare, Flohmärkte,
Feiern usw.) zufließen.
Beschluss des Forum Bildungspolitik
in Bayern vom 5.4.2003