| Schulsozialarbeit |
Petition an den Bayerischen Landtag vom 30.3.2004
Schulsozialarbeit
Problem
Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Schule, ihre Struktur und ihre thematischen Inhalte (s. Strukturplan für das Bildungswesen des Deutschen Bildungsrats) Gegenstand von Reformanstrengungen. Der Mangel dieser Bemühungen, die Schule von Grund auf zu erneuern, bestand unter anderen darin, dass das Schulwesen verstanden wurde als ein gegenüber anderen gesellschaftlichen Bereichen geschlossenes System. Unzureichend nur wurde eine Öffnung gegenüber anderen öffentlichen Sozialisations- und Bildungsangeboten wie der Jugendhilfe sowie gegenüber den durch soziale Ungleichheit geprägten Lebensverhältnissen von Kindern und Jugendlichen in den Blick genommen.
Erst als die Krise der Schule gar nicht mehr übersehen werden konnte, wurden die Möglichkeiten einer wechselseitigen Akzeptanz zwischen der Schule und der Jugendhilfe deutlicher. Schließlich erhielt die Schulsozialarbeit im Bayerischen Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) von 1990 eine gesetzliche Verankerung bezüglich Schulbezogene Jugendarbeit (§11 KJHG = SGB VIII), Jugendsozialarbeit (§13 KJHG) sowie Zusammenarbeit der Jugendhilfe mit Schulen und Stellen der Schulverwaltung. Trotz dieser Annäherungen bleibt es dabei, dass das Spannungsfeld zwischen den Grundzügen der Kinder- und Jugendhilfe (Freiwilligkeit, Verzicht auf eine aufgezwungene Leistungsorientierung, Altersheterogenität, Selbst- und Mitgestaltung der Hilfsformen, Selbstorganisation, Lebensweltorientierung, Prävention) und den Grundzügen einer traditionellen Schule unübersehbar ist. In dieses Spannungsverhältnis fällt die Schulsozialarbeit hinein.
Ziele
Dem Forum Bildungspolitik in Bayern ist bewusst, dass Schulentwicklung einer Optimierung der Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendhilfe und allen an der Erziehung und Bildung beteiligten Institutionen und Personen bedarf. Dabei muss eine besondere Betonung auf die neuen Anforderungen und gültigen Schlüsselqualifikationen der Arbeitswelt und Gesellschaft gelegt werden. Schulsozialarbeit befindet sich hier an der Schnittstelle und soll diesen Prozess unterstützen.
Schulsozialarbeit wird auch in der Mitteilung Nr. 6 des Bayerischen Kultusministeriums aus dem Jahr 2000 als wichtig und bedeutsam erkannt mit den Worten: Sie „wendet sich präventiv, unterstützend (...) und krisenintervenierend an alle Schüler und Lehrkräfte (...).“ Sie „betrachtet die Person von Kindern und Jugendlichen ganzheitlich, stellt Systeme in Frage, die krankmachend wirken und trägt zur Schulentwicklung bei.“
Das Forum Bildungspolitik schließt sich dieser Definition an, auch in Abgrenzung zum Begriff Jugendsozialarbeit.
Schulsozialarbeit verfolgt das Prinzip, Störungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (sowie Störungen im System Schule) zu erkennen und nach Möglichkeit vorhandene Defizite auszugleichen. Sie will zukünftigen Erwachsenen den Weg ebnen, sich zu mündigen und sich zu selbstverantwortlichen Bürger/innen unserer Gesellschaft zu entwickeln.
Forderungen des Forum Bildungspolitik in Bayern
Die Realisierung solcher Ziele aber gestaltet sich aufgrund vieler Widerstände als recht diffizil. Das Forum Bildungspolitik fordert deshalb:
- Keine Schulart sollte a priori von der Möglichkeit ausgeschlossen sein, Schulsozialarbeit anzubieten. Das Modell „Jugendsozialarbeit an Schulen“ bezieht aber nur Hauptschulen, die Hauptschulstufe von Förderschulen und Berufsschulen in die Förderung ein. Grundschulen, die Unterstufe der Förderzentren, aber auch Realschulen und Gymnasien bleiben außen vor.
- Schulsozialarbeit sollte eine verbindliche Leistung von allen Schulen werden, die dies wünschen und die ihren Bedarf hinreichend begründen können.
- Schulsozialarbeit sollte in die jeweilige Schule integriert und langfristig abgesichert sein. In der Konsequenz bedeutet dies, dass nicht länger die Sachaufwands- oder andere Träger für Schulsozialarbeit zuständig sein sollten, sondern das Kultusministerium.
- Nur eine stabile finanzielle Basis sichert eine Realisierung von Schulsozialarbeit, die ihrem spezifischen Auftrag gerecht werden kann, ohne ständig Kräfte abziehen und mobilisieren zu müssen, um die an Projekte gebundenen Finanzierungen verlängern zu können.
- Der derzeitige Finanzierungsmodus (40-40-20) geht an der Realität vorbei, da er sich an viel zu niedrigen fiktiven Gesamtkosten orientiert. In der Realität entsprechen die 40 % staatliche Förderung nicht einmal 30 %.
Begründung
Das Forum Bildungspolitik in Bayern stellt fest:
- Nur langfristige Konzepte ermöglichen eine konkrete und kontinuierliche pädagogische Arbeit im Sinne der Schaffung einer Vertrauensbasis für Schüler/innen.
- Nur langfristige Planungen aller am Schulleben Beteiligten fördern die Entwicklung von zuverlässigen Aufgabenzuordnungen und ermöglichen einen stabilen und kontinuierlichen Veränderungsprozess.
- Nur kontinuierliche Prozesse führen nach einer gewissen Zeitspanne zur Fähigkeit, Problemsituationen im Sinne einer präventiven Arbeit im Vorfeld zu erkennen und zu verhindern, anstatt für Problemlösungen teuer zu bezahlen.
Schulsozialarbeit ist Bildungsarbeit. Sie darf sich nicht beschränken auf die Versorgung und Betreuung sozialer Problemfälle. Bloße Lippenbekenntnisse und Sympathiebezeugungen helfen weder den Institutionen und noch weniger den eigentlichen potentiellen Nutznießern dieser Bemühungen, unseren Schüler/innen und selbstverantwortlichen Bürger/innen der Zukunft. Heute mehren sich die Stimmen, die die Gründung einer „sozialpädagogischen Schule“ verlangen, in der Schüler/innen als Kinder und Heranwachsende angenommen werden und in der das Lernen und Leben lernen zusammengehören.
Schulsozialarbeit als wichtiges Glied einer solchen Schule ist auf Langfristigkeit und vor allen Dingen Nachhaltigkeit angelegt und verwelkt ohne konstantes finanzielles Fundament noch ehe die ersten wirklichen Erfolge fixiert werden können. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Kinder und Jugendliche immer weiter ins Hintertreffen geraten, dürfen wir dies nicht weiter zulassen. Dies zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der PISA-Studie. Sie belegen die Notwendigkeit möglichst frühzeitiger Förderung, Unterstützung und Prävention.
Das Forum Bildungspolitik in Bayern ist der Überzeugung, dass die Schulsozialarbeit auch ein wichtiges Bindeglied zum familiären Umfeld des Kindes ist, das auf das professionelle Beratungsangebot der Schulsozialarbeit zurückgreifen kann. Stichworte wie familiäre Gewalt, sexuelle Gewalt, Erziehungsprobleme, Drogen oder Leistungserwartungen sind nur einige, die in Elterngesprächen eine Rolle spielen.
Dass ganztägige Angebote ausgebaut werden müssen, ist inzwischen weitgehend unumstritten. Unabhängig von den Differenzen über die Anzahl und die Form, sollte doch Einigkeit darüber bestehen, dass ganztägige Angebote und Schulsozialarbeit zusammengehören.
München, 29. März 2004
Diese Petition wurde vom Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags am 14.10.04
mit den Stimmen der CSU-Fraktion abgelehnt
("erledigt durch Erklärung der Staatsregierung - Art. 80 Nr. 4 GeschO")
|
|
|
|
|
|
|
|