| Kürzungen der Stundentafel |
Heimat- und Sachkunde in der 4. KlassePetition vom 28.6.1996
Staatsministerium für Unterricht, Kultus,
Wissenschaft und Kunst
Herrn Staatsminister Hans Zehetmair
Salvatorstraße 280333 München
München, den 28. Juni 1996
Stundentafelkürzungen in der Grundschule
Heimat- und Sachkunde in der 4. KlasseSehr geehrter Herr Staatsminister,
mit Schreiben vom 22.3.1996 (KMS IV/5 S 7400-4/44881) teilten Sie den Regierungen mit, daß ab dem Schuljahr 1996/97 in der Stundentafel der vierten Klasse der Grundschule im Fach Heimat- und Sachkunde eine Stunde gestrichen wird. Bisher sieht die Stundentafel vier Stunden Heimat- und Sachkunde vor. Bereits im Schuljahr 1995/96 wurde in der dritten Jahrgangsstufe das Fach Heimat- und Sachkunde um eine Stunde gekürzt.
Das Forum Bildungspolitik in Bayern, der Zusammenschluß von 21 Eltern-, Lehrer-, Schüler- und Organisationen der Jugendarbeit, sieht angesichts der gesellschaftlichen Lage und der Situation der öffentlichen Haushalte die Notwendigkeit, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln sparsam umzugehen. Dies gilt selbstverständlich auch für den Schul- und Bildungsbereich. Dessen ungeachtet warnen wir jedoch vor weiteren Kürzungen im Bildungsangebot der bayerischen Schulen. In den vergangenen Jahren wurden bereits mehrere Stundentafelkürzungen in der Grundschule vorgenommen:
- Bereits zum Schuljahr 1989/90 wurde die Stundentafel der Grundschule um insgesamt drei Stunden im Grundlegenden Unterricht (zwei Stunden in der ersten und eine Stunde in der zweiten Jahrgangsstufe) gekürzt.
- Zum Schuljahr 1993/94 erfolgte eine weitere Stundenkürzung in der Grundschule (vierte Sportstunde in der dritten Jahrgangsstufe).
- Zum Schuljahr 1995/96 wurde die Stundentafel der Grundschule erneut um zwei Stunden gekürzt (Religion - 2. Jgst., Heimat- und Sachkunde - 3. Jgst.).
- Über die Kürzung zum Schuljahr 1996/97 um eine Stunde HSK ist bereits eine weitere Kürzung der Stundentafel der Grundschule um eine Stunde zum Schuljahr 1997/98 geplant.
Seit dem Schuljahr 1989/90 wurden somit bereits sechs Stunden gestrichen, weitere zwei Stunden sind zur Streichung vorgesehen. Mit jeder Kürzung der Stundentafel der Grundschule um je eine Stunde werden rechnerisch ca. 183 Lehrerplanstellen eingespart. Somit wurden mit den bereits erfolgten Kürzungen um sechs Unterrichtsstunden bereits ca. 1098 Lehrerplanstellen eingespart, durch die geplanten Kürzungen um weitere zwei Stunden kommen ca. 366 Lehrerplanstellen hinzu. Die Summe der bereits erbrachten bzw. geplanten Einsparungen entspricht mithin ca. 1464 Lehrerplanstellen.Es ist davon auszugehen, daß mit dem „Wandern“ des Schülerbergs durch die Jahrgangsstufen und die verschiedenen Schularten auch in der Sekundarstufe Stundentafelkürzungen vorgesehen sind. Die Frage, wie weit die Kürzung des Bildungsangebots zu treiben ist, steht unbeantwortet im Raum.
Die Stundentafelkürzungen in der dritten und vierten Jahrgangsstufe im Fach Heimat- und Sachkunde in der Grundschule gehen aus Sicht des Forum Bildungspolitik in Bayern über die spezifische Bedeutung dieses Faches hinaus. Es stellt sich die grundsätzliche Frage, an welchem Punkt die Schmerzgrenze für Einschnitte in die Stundentafel erreicht ist. Wird dieser Punkt durch Notmaßnahmen überschritten, die finanzielle Mittel einsparen sollen, so droht eine Potenzierung der negativen Folgen für das gesamte Schulsystem und die Chancen der nachkommenden Generationen.
Im einzelnen gibt das Forum Bildungspolitik in Bayern folgende Punkte zu bedenken:
Das Forum Bildungspolitik in Bayern unterstützt Sie, sehr geehrter Herr Staatsminister, nachhaltig in Ihren Bemühungen, den Erfordernissen von Bildung und Erziehung auch in Zeiten knapper finanzieller Mittel gerecht zu werden. Eine Kapitulation der Bildungspolitik vor der Finanzpolitik darf es nicht geben! Die Qualität der schulischen Ausbildung ist ein wesentlicher wirtschaftlicher Standortfaktor. Auch wenn dies in wirtschaftlichen Diskussionen und Überlegungen häufig vernachlässigt wird, führt kein Weg an dieser Grunderkenntnis vorbei. Die schulische Ausbildung bestimmt wesentlich die Zukunft der Kinder und damit unserer Gesellschaft.
- Kürzungen der Stundentafel bzw. des sonstigen schulischen Angebots bedeuten immer auch Beschneidungen für dringend erforderliche pädagogische Innovationen.
- Durch Einschnitte in die Stundentafel entsteht die Gefahr, daß trotz gekürztem Stoff Kinder unter einen erheblich höheren Leistungsdruck gesetzt werden. Daß dies gerade in der Grundschule erhebliche negative Folgewirkungen zur Konsequenz hat, braucht nicht näher erläutert zu werden.
- Mit den Einschnitten in die Stundentafel im Bereich Heimat- und Sachkunde werden wichtige pädagogische Chancen z. B. im Hinblick auf eine Werterziehung und auf eine Bindung an den sozialen Nahraum erheblich eingeschränkt (siehe hierzu die Mitteilungen zur Kürzung des Lehrplans in diesem Fach). Dies geht an die Substanz des Auftrags der Grundschule, die als einzige Schule für alle Kinder in Ruhe und mit ausreichender Zeit einen wichtigen Bildungs- und Erziehungsauftrag zu leisten hat.
- Die Einschnitte gerade im Fach Heimat- und Sachkunde bedeuten auch eine Abkehr von pädagogischen Innovationen, wie sie die kultusministeriellen Erläuterungen ausdrücklich fordern (z. B. projektorientiertes, handlungsorientiertes Arbeiten und offene Unterrichtsformen) und die gerade in solchen Fächern exemplarisch umgesetzt und auch vorangetrieben werden müssen. Mit der Kürzung der Verfügungsstunde in der gymnasialen Oberstufe wurde bereits ein anderer Freiraum für pädagogische Visionen beschränkt.
- Jede Einschränkung im Angebot bzw. jede Verschlechterung der Rahmenbedingungen von öffentlichen Schulen gefährdet den staatlichen Bildungsauftrag. Es kann nicht sein, daß reformpädagogische, kindorientierte Unterrichtskonzepte eine Domäne der Privatschulen sind.
Unstrittig ist, daß es nicht gelingen wird, die steigenden Schülerzahlen vollständig durch neue Lehrerplanstellen auszugleichen. Für Reduzierungen im Unterrichtsangebot und andere Notmaßnahmen fordert das Forum Bildungspolitik in Bayern deshalb folgende pragmatische Lösung: Der einzelnen Schule muß bei der Umsetzung der Sparmaßnahmen ein Gestaltungsspielraum überlassen werden. Auf diesem Wege ist es möglich, die negativen Konsequenzen der Maßnahmen durch Abstimmung mit je spezifischen sozialen, kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen vor Ort zu minimieren. Des weiteren bitten wir Sie um eine klare Aussage, daß es sich bei den Stundentafelkürzungen der letzten Jahre um vorübergehende Notmaßnahmen handelt, die, sobald es möglich ist, rückgängig gemacht werden.
Mit freundlichen Grüßen
Albin Dannhäuser
Sprecher
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